Kakteensammlung Reinhart Schade

Veröffentlichungen: Artikel

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Publiziert in: Kakteen und andere Sukkulenten
64:(9):232-235, 2013

Werden bei Pfropfungen Blühhormone übertragen?

Abb. 1: Die hellrosa blühende, vegetativ vermehrte Sulcorebutia rauschii R289/4 hat noch nie geblüht. Vermutlich ist sie zu alt.

Sicherlich hat fast jeder Kakteenfreund in seiner Sammlung Pflanzen, die vom Alter her eigentlich blühen müssten, dies aber nicht tun. Über die Gründe der Blühfaulheit wird viel spekuliert. Oft wird sogar die Meinung vertreten, dass alle Kakteen blühfähig seien. Und wenn sie nicht blühen, dann müsse es an schlechten Kulturbedingungen liegen. Die gleiche Ansicht vertritt auch Möller (1973), wenn Echinopseen kindeln: Dann seien „falsche Kulturmaßnahmen“ schuld.

Eine nicht optimale Kultur möchte ich mal bei 40jähriger Erfahrung und als glücklicher Besitzer eines größeren Gewächshauses ausschließen. Ich meine, einer der Gründe für Blühfaulheit ist sicher, dass unsere Pflanzen häufig vegetativ vermehrt werden, haben doch abgetrennte Ableger das gleiche Alter wie der Haupttrieb. Den gleichen Grund geben auch Gertel & Latin (2010) an, wenn sich Sprossen schlecht oder gar nicht mehr bewurzeln lassen. Ein Beispiel dafür zeigt Abb. 1, eine wahrscheinlich oft vegetativ vermehrten Sulcorebutia rauschii R289/4, die bei mir noch nie geblüht hat, weil sie offenbar zu alt ist.

Abb. 2: Sprossende Echinopsis-Hybride `Olching' mit Knospen, Sämlingspflanze.

Hybriden müssen vegetativ vermehrt werden, um genetisch gleichen Nachwuchs zu erhalten. Zum Beispiel sind alle die mit mehr oder weniger klangvollen Namen ausgestatteten Echinopsis-Hybriden so vermehrt worden. Leider blühen einige dieser Pflanzen nicht, zum Beispiel die Echinopsis-Hybride, die ich mit dem Namen „Orff“ erwarb. Manche Kakteenfreunde behaupten ja, das liege an zu starker Kindelbildung, doch die „Orff“ wächst solitär. Zwei Beispiele stark sprossender Echinopsis-Hybriden, die Knospen haben, zeigen Abb. 2 und 3. Merkwürdig ist nur, dass die Hybride „Gräser 17“, deren Sprosse sicherlich oft weitergegeben wurden, reichlich blüht. Altert sie nicht so schnell oder hat es einen anderen Grund? Meiner Meinung nach ist sicher, dass die Kindelbildung keinen Einfluss auf die Blühfähigkeit hat. Da liegt wahrscheinlich der Gedanke zugrunde, dass Pflanzen, die sich vegetativ vermehren können, keine Veranlassung haben, dies generativ zu tun. Oder ist dies eine Beobachtung, die auf andere Kakteen zutrifft? Bei Matucana polzii soll sich ja die Blühfähigkeit erst einstellen, wenn die Sprosse entfernt werden.

Abb. 3: Sprossende Echinopsis-Hybride `Gräser', die häufig vegetativ vermehrt wurde, mit Knospen.

Abb. 4: Sprossende Echinopsis-Hybriden, die noch nie geblüht haben, Geschwister- pflanzen von `Olching' (Abb. 2)

Im Jahre 1999 säte ich den Samen einer Echinopsis-Hybride aus, der sich als gut keimfähig erwies. Von 55 erwachsenen Pflanzen blühten 53 Exemplare, nur zwei nicht. 12 Jahre nach der Aussaat sind 30 Pflanzen solitär, neun Pflanzen haben einen Spross, sieben haben zwei bis vier und neun haben fünf bis neun Sprosse. Die Pflanzen stehen jedes Jahr von April bis Oktober in frischer Luft auf einem überdachten Balkon. In der Blüh- und Vegetationszeit bekommen sie reichlich Wasser und öfter Dünger. So kultiviert, blühen 53 Pflanzen reichlich und in mehreren Schüben pro Jahr. Auch die stark sprossenden Exemplare blühten, nur die oben erwähnten zwei Pflanzen nicht (Abb. 4). Es scheint so, als wäre die Blühfähigkeit bei Sämlingen in den Genen festgelegt, zumindest bei Hybriden.

Vor einiger Zeit las ich im Internet den Artikel von M. Pauwels (2004), in dem die Autorin u. a. über geeignete Pfropfunterlagen schreibt. Sie meint, dass auch ein kleiner Steckling eines blühfähigen Säulenkaktus seine Blühhormone auf den Pfröpfling übertragen könnte! Zunächst klingt das ja plausibel, jedenfalls wenn ich mir meine gepfropfte, sehr blühfreudige Mammillaria luethyi (Abb. 5) betrachte. Doch Blühhormone von dieser mickrigen Unterlage (Abb. 6)? Kaum zu glauben. Der Mammilliaria-Spezialist Bernard Roczek sagte mir auf Befragen, dass seine wurzelechten M. luethyi genauso reich blühen wie die gepfropften. Nochmal zurück zur oben erwähnten Echinopsis-Hybride „Orff“: Nachdem ich sie drei Jahre lang mit einem angeblich blühfördernden Mittel erfolglos behandelt hatte (aber das ist ein anderes Thema), habe ich sie auf eine Echinopsis gepfropft, in der Hoffnung, dass die geheimnisvollen Blühhormone übertragen werden. Das Ergebnis kann man in Abb. 7 „bewundern“. Der Pfröpfling ist zwar gut angewachsen, aber die Unterlage gibt ihm von ihrer Blühfähigkeit nichts ab. Die S. rauschii in Abb. 1 ist übrigens auch auf eine Echinopsis gepfropft. Zu den blühfaulen Kakteen zählen bekanntlich auch Cristaten, und sie blühen gepfropft genauso schlecht wie wurzelecht.

Abb. 5: Gepfropfte Mammillaria luethyi mit vielen Knospen.

Abb. 6 Mammillaria luethyi mit Myrtillocactus geometrizans als Pfropfunterlage, gleiche Pflanze wie in Abb. 5.

Trotzdem behalten Pfropfungen ihre Berechtigung:

  • Sämlingspfropfungen, um ein schnelles Wachstum und eine frühere Blühfähigkeit zu erzielen,
  • Notpfropfungen, um beschädigte oder angefaulte Pflanze zu retten,
  • Stecklings-Pfropfungen, um Sprosse zu retten, die sich nicht bewurzeln ließen,
  • Kopfstück-Pfropfungen, um das Basisstück zum Sprossen anzuregen.

Googelt man im Internet, kann man lesen, dass Botaniker schon seit über 100 Jahren auf der Suche nach dem Blühhormon Florigen sind. G. Forkmann (2004), Prof. am Lehrstuhl für Zierpflanzenbau in Freising, ist sich sicher: „Das legendäre Blühhormon gibt es so nicht. Die Blüte wird vielmehr von verschiedenen Faktoren beeinflusst, die abhängig sind — vor allem von Licht und Temperatur.“

Abb. 7: Echinopsis-Hybride `Orff', die auch gepfropft nicht blüht.

Fazit:

  • Blühfaulheit ist nicht immer auf schlechte Kulturbedingungen zurückzuführen
  • Blühen vegetativ vermehrte Kakteen nicht, dann liegt das vermutlich an zu hohem Alter
  • Stark sprossende Echinopsis-Hybriden können durchaus blühfähig sein
  • Blühen Sämlingspflanzen nicht, dann ist das wahrscheinlich genetisch bedingt
  • Eine Pfropfung macht einen blühfaulen Pfröpfling nicht blühfähig

Literatur:
Forkmann, G. (2004): Die Suche nach dem Blühhormon. — DasErste.de — W wie Wissen (20.3.2012)
Gertel, W., Latin, W. (2010): Sulcorebutien — Kleinode aus Bolivien, — DKG Adelsdorf
Möller, A. (1973): Warum nicht Echinopsis als Pfropfunterlage? — Kakt. and. Sukk. 24: 192
Pauwels, M. (2004): Zur Blütenbildung der Kakteen. — www.hydrotip.de (17.4.2012)


Reproduktion mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Kakteen-Gesellschaft e. V. und der Redaktion "Kakteen und andere Sukkulenten".