Kakteensammlung Reinhart Schade

Veröffentlichungen: Artikel

Seite: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9

Artikel in KuaS April 1999

Mein erster KuaS-Beitrag war ein Aprilscherz und erschien anonym, da zu befürchten war, dass von humorlosen Kakteenfreunden empörte Briefe kommen. (Wen die Fotomontagen interessiert: Siehe unter "Über meine Fotos") Der letzte eingeklammerte Absatz stammt nicht von mir, auch nicht das gedruckte Bild der Espostoa und mit den aufgesteckten Mohnblüten. Mein ursprünglich vorgesehenes Bild mit dem Samenkorn füge ich hier bei.

Beobachtungen an einem ungewöhnlichen Notocactus leninghausii

Abb. 1: Einmal pro Jahr wurde "Goliath"entstaubt, d. h. die feine Axillenwolle entfernt

 Als ich 1982 von der DKG-Samenverteilung den bestellten Samen von Notocactus (Eriocactus) leninghausii erhielt, fiel mir sofort auf, daß eines der Körner etwa doppelt so groß war wie alle anderen. Obwohl ich erst annahm, daß das Korn von einer anderen Pflanze stammte, säte ich es mit dem übrigen Samen zusammen in einem 6er-Töpfchen aus.

 Doch welch' eine Überraschung! Das Korn lief nicht nur fünf Tage eher auf, der Sämling wuchs auch so schnell heran, daß er - einem Kuckuck im Rotkehlchen-Nest gleich - die umgebenden Geschwister in kurzer Zeit regelrecht verdrängte. So blieb mir schon nach vier Wochen nichts anderes übrig als zu pikieren, um die verbliebenen Kleinen von dem bereits 20 mm großen Sämling zu befreien.

 Das Umtopfen sollte nun eine Daueraufgabe werden! Immer wieder war nach kurzer Zeit der Topf zu klein. (Ich glaube, im 1. Jahr habe ich viermal und in den darauffolgenden Jahren zwei- bis dreimal pro Jahr umgetopft!).Die Bedornung sah wie bei den sich ganz normal entwickelnden Geschwisterpflanzen aus Sie war nur länger und gröber.

 Leider steht mir kein Gewächshaus zur Verfügung, so daß meine Kakteen jedes Jahr nach den Eisheiligen auf den Balkon geschleppt und Anfang November in die Wohnung zurückgebracht werden müssen. Abb. 1 zeigt den N. leninghausii im Herbst 1995 im Wohnzimmer auf dem Fußboden stehen; denn für das Fensterbrett war er viel zu groß geworden.

 Voriges Jahr im März traute ich meinen Augen kaum: Als die Pflanze fast die Zimmerdecke erreicht hatte, entdeckte ich doch tatsächlich eine Blütenknospe in Scheitelnähe! Auch diese wuchs mit einer unglaublichen Geschwindigkeit einem ca. 1,3 m entfernten Fenster zu und dann - aus dem gekippten Fenster hinaus (Abb. 2). Als die Blüte auf war, war das solch eine Sensation, daß einige Reporter der hiesigen Lokalpresse darüber berichtet haben.

Abb. 2: Eine Satellitenschüssel? Fast 80 cm im Durchmesser maß die Blüte der N. leninghaussii-Hybride, die sich durch das geöffnete Fenster geschoben hatte

 Offensichtlich erhielt ich damals ein Korn einer Hybride. In Anbetracht der langen Blütenröhre kann der Pollenspender wohl nur eine Echinopsis kermesina oder ein Trichocereus gewesen sein. Für die Annahme, daß die Mutterpflanze selbst schon ein Bastard war, spricht, daß sie sich mit einer Gattung kreuzen konnte, die taxonomisch weit von ihr entfernt steht. Erstaunlich ist jedoch, daß das Erbgut der "Leninghausii" bis in die F2-Generation hinein so dominant blieb, zumindest was die Bedornung betrifft. Egal. Ich benenne hiermit diese herrliche Pflanze "Goliath".

Die Frucht war relativ zum Pflanzenkörper klein, doch als sie im Spätsommer zusammen mit dem langen, vertrockneten Blütenrest abfiel, konnte ich ihr (leider nur) acht Samen entnehmen. Aber was waren das für "Körner"! Nüsse kann man wohl eher sagen (Abb. 3)! Sie sehen -von der äußeren Struktur her - dem Samen von Setiechinopsis mirabilis ähnlich. Der Kern schmeckt jedoch ziemlich bitter.

 Wie die Befruchtung zustande kam, kann man nur spekulieren. Es kann eigentlich nur eine Reizbestäubung durch Bienen oder Hummeln gewesen sein. Und ich erinnere mich, daß zu gleicher Zeit ein Kastanienbaum in unmittelbarer Nähe blühte.

Abb. 3: Der Samen ist wohl der Größte unter den bekannten Kakteen

 Haben Sie bitte Verständnis dafür, daß ich, der Autor, lieber anonym bleiben möchte, denn ich befürchte einen zu großen Ansturm auf die paar Nüsse (die ich schon anderen versprochen habe). Es wäre aber von großem wissenschaftlichen Interesse, wenn sich der Samenspendervon 1981/1982 in einem Leserbrief melden würde!

Die inzwischen 3 m hohe Pflanze steht übrigens seit Herbst vorigen Jahres bei einem Kakteenfreund im Grundbeet seines großen Gewächshauses, direkt unter dem 4,5 m hohen First.

 (P.S. Weitere Abnormitäten kündigen sich in meiner Sammlung übrigens an: Vor kurzem hat erstmals eine Espostoa geblüht - aber mit welchem Ergebnis! Die tiefroten Blüten (......) lassen erahnen, daß da auch irgendeine andere Pflanze mitgemischt hat. Ich werde bei Gelegenheit darüber berichten.)